Krise, Konflikt und eine Generation voller Mitgefühl

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In meiner Kindheit, aufgewachsen in einem ruhigen Vorort der USA, war ich weitgehend abgeschirmt von den Stürmen des Lebens.

Zwar setzte ich mich schon früh für die Freiheit jüdischer Gemeinden weltweit ein, doch ihre Schicksale blieben für mich abstrakt – schmerzhaft, aber fern. Leid, Hass und Verfolgung existierten in meiner Vorstellung nur als Lektionen aus der Geschichte, erzählt von Helden der Weltwirtschaftskrise oder Überlebenden der Schoah.

Meine israelischen Kinder hingegen wachsen in einer ganz anderen Realität auf.

Seit beinahe sechs Jahren sind sie geprägt von Pandemie, Krieg und Verlust. Für sie bedeutet „geschützt sein“ nicht Geborgenheit, sondern Lockdown, Raketenalarm und schier endlos erscheinende Trauerigkeit.

Die Elfjährigen, die damals ihre Bar- und Bat-Mizwa-Feiern über Zoom abhielten, verbringen heute ihre freien Tage auf Militärbegräbnissen von Freunden, Verwandten und Nachbarn. Die Jugendlichen, die einst Ausgangssperren ignorierten, um draußen Sport zu treiben, riskieren heute ihr Leben, um ihr Volk und ihr Land zu verteidigen.

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Noch nie haben unsere Kinder ein komplettes Schuljahr ohne Unterbrechung erlebt. Noch nie eine Familienfeier ohne Gespräche über Krankheit oder Reservedienst.

Als Vater erfüllt es mich mit tiefer Traurigkeit, dass unsere Kinder Gewalt und Virusse als alltäglich empfinden. Lange habe ich beklagt, was diese zerrüttete Generation alles verloren hat. Doch in letzter Zeit erkenne ich mehr und mehr: Sie lassen sich von ihrer herausfordernden Jugend nicht unterkriegen.

Stattdessen haben sie Mitgefühl zu ihrer Stärke gemacht. Sie tauschen Unbeschwertheit gegen Verantwortung, Naivität gegen Entschlossenheit – und wachsen dabei über sich hinaus.

Geformt durch ständige Krisen und akute Not, sind sie nicht zerbrochen, sondern gereift. Sie sind belastbar, mutig und zu einer echten Kraft des Guten geworden.

Ich konnte diese Entwicklung erstmals während der Corona-Pandemie beobachten, als die Zivis von ADI Jerusalem eine Schlüsselrolle bei der Pflege von unseren Schützlingen spielten. Mit unglaublicher Hingabe und Lernbereitschaft wurden diese jungen Freiwilligen quasi über Nacht zu Experten im Umgang mit Infektionskrankheiten – und schützten unsere Bewohner mit schweren Behinderungen über zwei Jahre hinweg mit beispielloser Selbstlosigkeit.

Kein Dienst war ihnen zu anstrengend, kein Hygieneprotokoll zu kompliziert, kein Moment „Feierabend“. Ihre Herzlichkeit und ihr Einsatz wurden mit einem beeindruckenden Erfolg belohnt: Kein einziger Todesfall.

Seit dem 7. Oktober ist diese Haltung noch deutlicher zu spüren. Im Rehabilitationsdorf ADI Negev-Nahalat Eran – einer der größten Nationaldienst-Stellen des Landes – erleben wir täglich, was es bedeutet, wenn eine junge Generation Verantwortung übernimmt.

Trotz hoher Einberufungszahlen ins Militär entschieden sich viele junge Israelis bewusst dafür, ihren Dienst aufzuschieben, um Menschen mit Behinderungen in unserem Dorf zu unterstützen. Während ihre Altersgenossen sich auf den Wehrdienst vorbereiten, haben sie sich dafür entschieden, Menschlichkeit vorzuleben – durch Pflege, Zuwendung, Heilung und Trost.

Ihr Ziel bleibt, das Land zu verteidigen – doch sie folgen zuerst ihrem Herzen. Und so schützen sie momentan nicht Grenzen, sondern Seelen.

Beispiele dieser selbstlosen Haltung gibt es zahllose. Und auch in den dunkelsten Stunden machen uns diese jungen Zionisten Mut: Unsere Zukunft ist heller, als wir oft glauben.

Der Science-Fiction-Autor G. Michael Hopf hat mit einem bekannten Zitat etwas Grundlegendes über die Dynamik zwischen Generationen gesagt:
„Harte Zeiten bringen starke Menschen hervor, starke Menschen schaffen gute Zeiten, gute Zeiten bringen schwache Menschen hervor, und schwache Menschen verursachen harte Zeiten.“

Man könnte versucht sein, darin einen kritischen Blick auf unsere eigene Bequemlichkeit zu erkennen. Doch noch wichtiger ist die Hoffnung, die in diesem Kreislauf liegt: Dass unsere Kinder die Kraft haben, eine neue Ära des Friedens und Wohlstands zu schaffen.

Aber damit das gelingt, müssen wir umdenken.

Wir dürfen nicht länger den kindlichen Alltag betrauern, den wir uns für sie gewünscht haben. Stattdessen sollten wir ihnen Räume und Rollen bieten, in denen sie Verantwortung übernehmen, führen und gestalten können.

Denn sie haben bereits gezeigt, dass sie aus Angst Mut machen können, aus Schmerz Stärke schöpfen und aus Verlust Liebe wachsen lassen.

Mögen wir den Mut finden, nicht nur in die Vergangenheit zu blicken, sondern das Wunder dieser jungen Generation zu erkennen – und sie die Zukunft mit Güte formen lassen.

Von Elie Klein (ADI), veröffentlich auf der Seite von „Times of Israel”: https://blogs.timesofisrael.com/crisis-conflict-and-the-kindest-generation/

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