Deutsche Jugendliche kommen nach ‎Israel, um für die Holocaust-Vergangenheit ‎ihrer Familien Sühne zu leisten

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Marsch des Lebens, eine deutsche Organisation, die sich aktiv dafür einsetzt, für den Holocaust Sühne zu leisten, bekämpft Antisemitismus durch Aktivismus

Von Michele Chabin, aus dem Englischen übersetzt von Dina Rahamim

JERUSALEM (RNS) —Wie jedes deutsche Kind, hat Leo Ebe während seiner Schulzeit viele Tage damit verbracht, über den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust zu lernen.

Erst als Ebe’s Kirche in Tübingen (Baden-Würtemberg) die Gemeindemitglieder ermutigte, über die eigenen Familiengeschichten während des Holocausts zu recherchieren, erfuhr er über die eigene Verbindung zu Deutschlands Nazivergangenheit.

Ebe, damals noch ein junger Teenager, fand heraus, dass sein Urgroßvater in der SS in Osteuropa diente. „Mein Urgroßvater half dabei, jüdische Dörfer niederzubrennen und beraubte Juden ihrer wertvollsten Besitztümer, wie Kunstobjekte und Schmuck. Er organisierte Pogrome. Die Armee unter seiner Befehlshabe ging in die Dörfer und sorgte dafür, dass es keine Überlebenden gab“, sagte Ebe.

„Ich war geschockt und enttäuscht, aber es half mir auch dabei, so einiges über mich selbst besser zu verstehen,“ meint Ebe, inzwischen 18 Jahre alt. „Als gläubiger Christ sehe ich es als meine Verantwortung, mich ganz klar auf die Seite von Juden und Israel zu stellen.

Dieses Verständnis ist es auch, dass ihn im Oktober 2020 nach ADI Negev-Nahalat Eran brachte, ein Rehabilitationsdorf für schwer behinderte Kinder und Erwachsene im Süden Israels.

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Die Bewohner spielen bei ADI Negev-Nahalat Eran im Süden Israels.

Ebe kam unter der Schirmherrschaft von Marsch des Lebens, einer Organisation, die sich aktiv dafür einsetzt, für den Holocaust Sühne zu leisten, und Antisemitismus durch Aktivismus bekämpft.

Marsch des Lebens wurde in 2007 von Jobst und Charlotte Bittner gegründet, einem Pastorenehepaar, das auch die TOS Ministries ins Leben rief, eine charismatische Freikirche, Missionsgesellschaft und wohltätige Einrichtung mit Hauptsitz in Tübingen. Seit seiner Gründung hat Marsch des Lebens hunderte von Märschen an Holocaust-Gedenkstätten in ganz Europa organisiert, als Zeichen der Erinnerung und Versöhnung.

In den letzten Jahren hat die Organisation auch junge Deutsche nach Israel entsandt, um als Freiwillige bei ADI zu arbeiten. ADI (ehemals ADI) hat israelweit das am Breitesten gefächerte Angebot von stationärer und rehabilitativer Versorgung für Menschen mit schweren komplexen Behinderungen. Marsch des Lebens und ADI haben ihre Kooperation zu einem großen Teil auch deswegen begonnen, weil Deutsche mit Behinderungen eine der ersten Gruppen waren, die von Nazis verfolgt und ermordet wurden.

Die Arbeit mit behinderten Kindern und Erwachsenen ist „eine Erfahrung, die Bescheidenheit lehrt,“ findet Heinz Reuss, internationaler Leiter von Marsch des Lebens. Die Tatsache, dass ADI Menschen aus allen Segmenten der israelischen Gesellschaft betreut, „erweitert die Perspektive der Freiwilligen ungemein. Es zerstört Vorurteile und stärkt das Verständnis davon, was während der Shoah [heb.: Holocaust] geschehen ist.“

Viele der Teilnehmer sind Nachkommen von Nazis.

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Die deutschen Freiwilligen (von links): Shauna Wither, Lea Tammer, Setti Pfeiffer und Leo Ebe von ADI ‎Negev-Nahalat Eran im Süden Israels. ‎

„Meine Eltern haben Nachforschungen über die Familiengeschichte angestellt, als ich vier oder fünf Jahre alt war,“ sagt Anna-Suzette Pfeiffer (18), die in ADI’s Kindergarten arbeitet. „Die Wahrheit ist in Deutschland sehr verschleiert, es ist ein Aufarbeitungsprozess.“

Alle Urgroßväter von Pfeiffer waren Nazis: Einer arbeitete in einer Waffenmanufaktur, während ein anderer die Häuser von Juden und nicht-Juden in Osteuropa konfiszierte, damit Deutsche sich dort niederlassen konnten. Einer der Großväter mütterlicherseits hat dabei geholfen, die elektrischen Zäune und Gaskammern des Vernichtungslagers Auschwitz zu errichten.

In den Jahrzehnten seit dem Holocaust ist Deutschland zu einem der stärksten Verbündeten von Israel geworden. Zusätzlich zu den vielen Deutschen, die jedes Jahr nach Israel für einen Freiwilligendienst kommen, hat die Bundesregierung Israel sowohl diplomatisch als auch wirtschaftlich in Form von Handelsbeziehungen und Nachkriegsreparationen unterstützt.

Seit 1996 hat Deutschland den 27. Januar zum offiziellen Tag des Erinnerns an den Holocaust erklärt, zehn Jahre bevor die Vereinten Nationen den Internationalen Holocaust Erinnerungstag am gleichen Datum ausriefen.

Pfeiffer, die Israel bereits acht oder neun Mal besucht hatte, weiß, dass die Vergangenheit nicht ungeschehen machen kann. „Aber ich bin dankbar für die Möglichkeit einen Freiwilligendienst zu leisten und mit jüdischen Kindern zu arbeiten.“, meint sie. „Es ist so eine Ehre. Erst in Israel begriff ich zum allerersten Mal, was Familie und Gemeinschaft tatsächlich bedeutet. Ich hoffe, dieses Verständnis zurück nach Deutschland bringen zu können.“

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Die deutsche Freiwillige Shauna Wither (19, rechts) spielt ein Spiel mit einem ‎Bewohner von ADI Negev-Nahalat Eran im Süden Israels.

Shauna Wither (19) erklärt, wie die Freiwilligenarbeit mit ADIs Kindern ihr eine neue Perspektive auf ihre eigenen Lebenserwartungen gab. „Ich habe von den Kindern sehr viel gelernt. Sie freuen sich über jede Kleinigkeit, die sie bewältigen. Sie haben mich gelehrt, nicht zu streng mit mir selbst zu sein. Ich habe auch gelernt, dass wenn man viel Liebe gibt, man viel Liebe zurückbekommt.“

Nach Israel während der COVID-19-Pandemie zu kommen, war eine Herausforderung, „aber genau deswegen war es umso wichtiger, gerade jetzt zu kommen,“ meint Wither, denn zurzeit sind Besuche von außerhalb des Rehabilitationsdorfes – Familien der Bewohner mit inbegriffen! – stark eingeschränkt. Während die Arbeit im Dorf die Freiwilligen soziale Verantwortung lehrt, geben die Freiwilligen Wärme und Begeisterung zurück.

Doron Almog, Vorsitzender von ADI Negev-Nahalat Eran, sagt, dass die Freiwilligen neben ihrer praktischen Hilfe, die zweifellos unschätzbar ist, auch grenzenlose Energie liefern, und das in einer Zeit, in der sich schon der ganz normale Alltag schwierig anfühlt. „Sie sind motiviert und engagiert. Sie sind die besten Botschafter für ADIs Botschaft von Tikkun Olam – das jüdische Gebot, die Welt zu reparieren und zu einem besseren Ort zu machen.“

Almog versteht die Motive der Freiwilligen angesichts der Kriegsverbrechen ihrer Vorfahren, sieht ihre Arbeit jedoch aus der Perspektive von Tikkun Olam. „Ihre Großeltern wurden in rassistische Ideologie indoktriniert“, sagte Almog. „Sie dachten, sie wären eine überlegene Rasse. In 1939 sammelte Hitler behinderte Menschen und ermordete sie. In ADI lernen ihre Enkelkinder, dass wir alle gleich sind. Dass jedes Leben kostbar ist.“

Original erschienen am 22. Januar: https://religionnews.com/2021/01/22/german-teens-go-israel-to-atone-for-their-families-holocaust-history/

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Der 18-jährige deutsche Freiwillige Leo Ebe (links) mit einem Bewohner von ‎ADI Negev-Nahalat Eran im Süden Israels.